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Täter=Opfer?

Jürgen

"Wenn man merkt, als Kind, daß die Eltern keine Zeit haben, oder nicht fähig sind, mit einem zu spielen, dann spielt man mit sich selbst, mit den zwanzig Stofftieren, malt sich ein Schild, hängt es an die Kinderzimmertür (%27Hat er es nicht gut, er hat ein eigenes Zimmer!%27), darauf steht %27PRAXIS%27, und spielt ein paar Wochen lang Tierarzt, weil man Tiere so lieb hat, und der Beruf so schön ist, außerdem, was für Erwachsene gilt, warum sollte es für Kinder nicht gelten, für manche wenigstens: %27Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere ...%27.
Später, wenn man dann erfährt, daß man sich verloren fühlt, instinktiv ausgetoßen, sobald mehr als ein oder zwei Gleichaltrige beisammen sind, der Mund verschließt sich, nichts fällt einem mehr ein, was man sagen könnte, und wird wirklich mal, aus Versehen sozusagen, das Wort an einen gerichtet, so kriegt man einen roten Kopf und grinst blöd, mehr ist nicht drin. Die Erfahrung lehrt in solchen Fällen, daß man am besten allein bleibt, ein Einzelgänger wider Willen."

"Es ist heute noch so: Was meine Eltern sagen, das wird gemacht und fertig. Da nimmt man das als Naturereignis hin. Persönlich habe ich mir nie Besonderes dabei gedacht. Heute noch lasse ich mir schon allein deswegen manches befehlen und sagen, um nur völlige Ruhe zu haben. In mancher Beziehung befehlen mir meine Eltern noch genau wie früher: %27Der hat uns das und das geschrieben, der hat dir das und das gegeben, du mußt dich jetzt diese Woche eben bei ihm bedanken%27 - obwohl ich eigentlich vorhatte, das erst nächste Woche zu tun. Das sind in der Regel alles Kleinigkeiten gewesen, aber diese Dinge lasse ich mir heute noch genauso vorschreiben.
Aber was meinen Sie, wie froh ich darüber bin, daß ich jetzt durch das staatliche Gewahrsam dem unmittelbaren Einfluß der Eltern entzogen bin! Ich bin nicht gern im Knast, aber immer noch lieber im Knast, als daß meine Eltern den ganzen Tag an mir rumfuhrwerken können. Ich würde es heute genauso hinnehmen, wie meine Eltern mir damals sagten: %27Du trägst deine Armbanduhr nur sonntags%27, obwohl ich weiß, was das für ein Quatsch ist.
Natürlich habe ich des öfteren mal zu meiner Mutter gesagt: %27Warte nur, bis ich einundzwanzig bin!%27 Soweit habe ich natürlich gewagt, etwas zu sagen. Dann hat meine Mutter natürlich gesagt: %27Ja, ja, stell dir mal vor, einmal bist du sowieso zu dumm dazu, woanders zu existieren als bei uns. Und dann, wenn du wirklich nach draußen kommen würdest, dann wirst du schon sehen, du wirst nach zwei Tagen wieder hier sein.%27 Ich habe das da in dem Moment geglaubt, wie sie das sagte."
"Meine Mutter fand absolut nichts dabei, mich in einer Minute in den Arm zu nehmen und zu küssen, und in der nächsten Minute sah sie, daß ich aus Versehen die Schuhe anbehalten hatte, nahm einen Kleiderbügel aus dem Schrank und zerschlug in auf mir. In dieser Art etwa geschah oft etwas, und jedes Mal zerbrach irgendetwas in mir. Diese Behandlung, diese Dinge habe ich nie vergessen können und werde es nicht können, hier stehe ich und kann nicht anders."

"Wenn es bei meiner Mutter zu solchen Ausbrüchen kam, war es fast immer bei Kollisionen mit ihrem Ordnungs-Sinn, besser: Fimmel. Verstehen Sie mich recht? Wenn ich ihr wichtig war, gut, aber ihre Ordnung war ihr noch viel, viel wichtiger. Wie schnell das gehen konnte, will ich Ihnen an einem Beispiel sagen. In der Mittagszeit wurden die Fleischstücke ungepackt und die Theken abgewaschen. Meine Mutter hat die eine Hälfte abgewaschen und ich die andere. Die Messer wurden auch abgewaschen, sie standen in einem Eimer. Ich sagte, ich sei fertig, aber sie hatte ihren schlechten Tag und sagte: %27Du bist noch lange nicht fertigt!%27 %27Doch%27, sagte ich, %27guck dir es an.%27 Sie sagte: %27Guck dir bloß die Spiegel an, die mußt du alle noch mal machen.%27 Ich sagte: %27Ich werde die auch nicht noch mal machen, weil sie schon schön blank sind.%27
Sie stand hinten am Spiegel. Ich stand drei oder vier Meter von ihr weg. Sie bückte sich in den Eimer. Ich denke, was ist jetzt los? Dann holte sie ein schönes, langes Metzgermesser raus und war es auf mich zu, etwa in Schulterhöhe. Ich weiß nicht mehr, ob es an einer Waage abprallte oder wo, aber auf jeden Fall landete es auf einem Brett. Wenn ich nicht im letzten Moment ausgewichen hätte, hätte sie mich damit getroffen.
Ich habe steif gestanden wie ein Brett. Ich wußte überhaupt nicht, wo ich war. Es war irgendwie so unwirklich. Das war eine Sache, die man sich überhaupt nicht vorstellen konnte. Dann kam sie auf mich zu, spuckte mir ins Gesicht, und fing an zu schreien, daß ich ein Stück Scheiße wäre. Dann schrie sie noch %27Ich werde Herrn Bitter%27 - Leiter des Essener Jugendamts - anrufen, dann kann er dich gleich abholen, damit du hinkommst, wo du hergekommen bist, denn dort gehörst du hin!.%27 Das war 1965."

"Daß ich schon Minderwertigkeitskomplexe hatte, als ich noch kein Verbrecher war, steht ganz außer Frage. Und zwar aus dem Gefühl der Einsamkeit heraus, der Ausgeschlossenheit aus dem Kreis der Freunde, der Kameraden; gewiß, ich machte viele Fehler, damals, als Junge, nur kann ich auch heute noch nicht umhin, mit dem Schicksal zu hadern, warum jemand schon als Kind schüchtern ist, ein Eckensteher, der es nicht schafft, sich jemandem anzuschließen."
"Am glücklichsten oder am traurigsten? Das heute ist ja nicht das %27Normale%27, also muß ich da wieder von früher sprechen.

Am traurigsten bin ich, wenn ich zu Hause bin, wo alles so steril ist, daß man bald auftreten muß nur auf Zehenspitzen, ist ja alles soooo sauber, wenn es heiliger Abend ist, und ich gehe runter ins Wohnzimmer, viele Geschenke sind da für mich, ist ja ganz toll, und wenigstens an diesem Abend beherrscht meine Mutter einigermaßen ihr Wechselbad-Temperament, so daß man meint, vielleicht kannst du heute Abend mal Deine (also meine) eigene Schlechtigkeit etwas vergessen, aber es knistert irgendeine Spannung in der Luft, so daß man weiß, es wird ja doch wieder Scheiße; wenn man wenigstens ein Weihnachtslied singen könnte, und die Mutter sagt: %27Nun sing doch mal eine Weihnachtslied%27, und ich sage: %27Ach laß doch, kann ich nicht, da bin ich doch auch viel zu groß für%27, aber denken tu ich: %27Kindermörder singt Weihnachtslieder, da soll man nicht verrückt werden.%27 Ich packe meine Geschenke aus und %27freue%27 mich, zumindest tue ich so. Mutter packt ihre Geschenke aus, die von mir, und freut sich wirklich.

Inzwischen ist das Essen fertig, Hühnersuppe mit dem Huhn drin, und der Vater kommt, zwei Stunden nach mir. Er hat bis jetzt gearbeitet, wirft Mutter irgendein Haushaltsgerät vor die Füße, ihr kommen die Tränen vor Rührung, und er brummt irgendetwas, das %27Fröhliche Weihnachten%27 bedeuten könnte. Er setzt sich an den Eßtisch: %27Na, wie ist das, kommt Ihr endlich?%27 Schweigend wird die Suppe gelöffelt, das Huhn rühren wir nicht an. Kein Wort wird gesprochen während dieser Zeit, nur das Radio spielt leise, wie schon seit Stunden. %27Die Hoffnung und Beständigkeit gibt Kraft und Trost zu jeder Zeit ...%27.

Wir sind fertig mit Essen, Vater setzt sich auf und brüllt uns an: %27Prima, und was machen wir jetzt?%27, so laut er kann, richtig gemein hört es sich an. %27Nichts machen wir jetzt!%27, schreit Mutter zurück und läuft weinend in die Küche. Ich denke: %27Wer straft mich da, das Schicksal oder der %27liebe Gott%27?, weiß aber sofort, daß das so nicht stimmen kann, und der Sketch fällt mir ein, den ich im Fernsehen gesehen habe: %27Dasselbe wie letztes Jahr, Madam?%27 %27Dasselbe wie jedes Jahr, James!!%27.
Ich frage leise: %27Willst du nicht wenigstens nachschauen, was wir Dir geschenkt haben?%27
%27Nein!!%27

Er sitzt nur da und stiert mit leerem Blick auf das Tischtuch. Es ist noch keine acht Uhr. Ich habe hier unten nichts mehr zu suchen, mache, daß ich auf mein Zimmer komme, lauf da hin und her, und es ist mir ernst mit dem Gedanken: %27Springst du nun aus dem Fenster oder nicht?%27 Warum habe ich die Hölle hier, warum wäre es besser tot als so was erleben? Weil ich ein Mörder bin? Das kann gar nicht ganz stimmen, es war heute nicht anders als jedes Jahr."
"Mit wem ich zusammensein durfte, wurde mir von meiner Mutter vordiktiert. Mindestens die hälfte aller Jungen und Mädchen waren %27kein Umgang für mich%27. So mußte ich mich größtenteils zu Hause aufhalten! Was aber erwartete mich dort? Krach zwischen meinen Eltern. Wenn es mal zwei Tage ohne abging, war das schon viel! Krach, weil ich angeblich zu viel fernsah! Aus diesem Grunde habe ich in den letzten Monaten kaum noch ferngesehen. Krach, wenn mein Vater mich im Laden vor Kunden wieder mal %27den Dösigen%27 genannt hatte, und ich mich aus verständlichen Gründen dagegen auflehnte. Krach, wenn ich eine Viertelstunde zu spät nach Hause kam. Dazu kam natürlich noch mein Unbehagen, daß meine Mutter mich in meinem Alter noch badete, und u.a. nicht zuließ, daß ich mir ein Wäschestück zum Anziehen oder ein paar Schuhe selbst zurechtlegte. Daraus folgte dann ein Krach mit meinem Vater, der behauptete, ich könne mich in meinem Alter noch nicht allein anziehen."



"Sie hätten sie sehen sollen, als sie mit bald hundert Mann vor mir standen und riefen: %27Blaß geworden, Junge!%27 %27Jetzt aber schön die Handschellen hoch!%27 %27Aber nicht doch, Junge, nicht so ein Gesicht, lächeln, lächeln!%27 So gut ich die Empörung in der Allgemeinheit verstehen konnte und kann, so wenig vermag ich diese Menschen zu verstehen. Wenn auch ich als letzter das Recht habe, jemanden zu kritisieren, so sind doch Leute, die mit Entsetzen Scherz treiben, für mich keine Menschen, sondern Hyänen.

Du lieber Gott, es tat und tut mir doch so leid! Ich darf gar nicht zu viel an die armen Würmer denken, das ist nicht gut. Warum denn? Warum? Hatte mich meine Veranlagung so richtig in ihren Fängen, war eben alles aus, da gab es kein Entgegenstellen oder gar einen eigenen Willen! Und weil ich Kinder eigentlich immer so gern hatte, bin ich natürlich mit der Zeit seelisch vollkommen kaputt gegangen. Ich hatte eben, grob gesagt, keine Gewalt über diesen verdammten Trieb, der auch nicht nur einer war, sondern aus mehreren bestand. Und nun habe ich also mein %27Päckchen%27, das ich mein Leben lang zu tragen habe. Wie lange aber, so frage ich, hält das ein Mensch aus, der trotz allem sein Herz und sein Gewissen nicht verloren hat?"

"Ich urteile nie impulsiv oder spontan über jemanden oder etwas, sondern denke immer erst eine Zeit darüber nach. Ich verstehe nicht, wie man urteilen kann, über eine Person oder Sache, ohne alle vorhandenen Fakten abzuwägen."


[Jürgen Bartsch]
zu Jürgen Bartsch:

"Bestie von Langenberg", "Teufel in Menschengestalt" - so titelt die Presse am Morgen des 22. Juni 1966, nachdem die Polizei tags zuvor den 19-jährigen Metzgergesellen Jürgen Bartsch in der Wohnung seiner Adoptiveltern festgenommen hat. Jürgen Bartsch - dieser Name bereitet von da an den gleichen Schrecken wie die Namen der Triebtäter Haarmann und Kürten in den 20er und 30er Jahren. Kein Serienmörder hat sich so offen zu seinen Taten geäußert, kein Sexualstraftäter wurde von so vielen Gutachtern untersucht wie Jürgen Bartsch - dennoch blieb er ein Rätsel. Vier Jungen im Alter zwischen acht und zwölf Jahren hat Bartsch umgebracht. Seinen ersten Mord beging er 1962, gerade 15 Jahre alt. Er sprach seine Opfer auf Kirmesplätzen an und lockte sie in einen alten Luftschutzstollen unweit seines Elternhauses in Langenberg bei Wuppertal. Im Stollen missbrauchte und quälte er die Kinder, ehe er sie tötete. Am 18. Juni 1966 hatte Bartsch ein fünftes Opfer gefunden, das sich aber befreien konnte. Drei Tage später war der "Kirmesmörder" Bartsch gefasst.

Mehr als jedes andere Verbrechen beschäftigt der Fall Bartsch in den 60er Jahren Juristen, Ärzte, Psychologen und die Öffentlichkeit. Im Dezember 1967 wird Bartsch nicht zuletzt aufgrund umstrittener Gutachten zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. In einem zweiten Prozess, der von März 1971 an vor der Jugendkammer des Düsseldorfer Landgerichts verhandelt wird, werden weitere Gutachten vorgelegt. Er endet mit einem wesentlich geringeren Strafmaß. Bartsch wird zu zehn Jahren Jugendstrafe verurteilt und später in der psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt Eickelborn untergebracht. Schuldgefühle und Mordphantasien quälen Bartsch täglich. Um ihn von diesem quälenden Leidensdruck zu befreien, schlagen Ärzte verschiedene Psychotherapien vor, auch eine Gehirnoperation wird erwogen. Schließlich stimmt Bartsch 1976 zu, sich kastrieren zu lassen. Bei der Operation im Landeskrankenhaus Eickelborn bricht sein Kreislauf zusammen, Bartsch ist tot. Die Obduktion, die noch am selben Tag in der Leichenhalle des Westfriedhofs in Paderborn durchgeführt wird, ergibt, dass eine falsche Dosierung des Narkosemittels "Halothan" den Tod verursacht hat - ein Kunstfehler, wie die Chirurgen einräumen.[hr]

[Danke an A. für das mühselige Abtippen der Zitate aus ihrem Buch!]