Da gibt es die Legende von einem Vogel, der in seinem Leben nur ein einziges Mal singt. Doch er singt süsser als jedes andere Geschöpf auf dem Erdenrand.
Von dem Augenblick an, da er sein Nest verlässt, sucht er nach einem Dornenbaum und ruht nicht, ehe er ihn nicht gefunden hat. Und wenn er im Gezweig zu singen beginnt, dann lässt er sich so darauf nieder, dass Ihn der größte und schärfste Dorn durchbohrt. Doch während er stirbt, erhebt er sich über die Todesqual und sein Gesang klingt herrlicher als das Jubeln der Lerche oder das Flöten der Nachtigall. Ein unvergleichliches Lied, bezahlt mit dem eigenem Leben. Aber die ganze Welt hält inne, um zu lauschen und Gott im Himmel lächelt. Denn das Beste ist nur zu erreichen, unter großen Opfern.
So jedenfalls heißt es in der Legende.
Was mir geschehen ist, habe ich mir selbst angetan. Niemand sonst trägt Schuld daran. Und ich - ich kann keinen einzigen Augenblick bedauern.
Der Vogel mit dem Dorn in der Brust, er folgt einem umwandelbaren Gesetz. Was ihn dazu treibt, sich selbst zu durchbohren und singend zu sterben, er weiß es nicht. Im selben Augenblick, da der Dorn in ihn eindringt, ist er sich des kommenden Todes nicht bewußt. Er singt nur und singt, bis kein Leben mehr in ihm ist.
Aber wir, die wir unsere Brust mit Dornen durchbohren, wir wissen. Wir verstehen.
Und wir tun es dennoch.
Aus " Die Dornenvögel" von Colleen McCullough
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