ChatKult Communitypowered by Next 1.0.12
ChatKult FORUM · Next 1.0.12
Forenübersicht » [ Dreamworld ] » du lebst- ich bin tot

du lebst- ich bin tot

3.Tag danach

Lieber Willamowitz!

Du lebst- ich bin tot .Du widmest Deine Zeit dem Studium der toten Sprachen, vielleicht bin ich auch nun, da ich nicht länger lebe, von Interesse für Dich. Deine Aufmerksamkeit gilt Büchern, die vor zweitausend Jahren geschrieben wurden .Ihre Verfasser sind schon vor langer Zeit gestorben, ich bin erst seit kurzem tot, doch immerhin kannten wir uns zu Lebzeiten, und so wirst Du mir diese kurze Frist wohl nachsehen und meine Briefe lesen. Unser letztes Gespräch brach mitten im Satz ab, weil ich gehen mußte. Ich möchte aber noch ausreden, zumal wir nie wieder Gelegenheit haben werden, uns zu sehen .Deshalb habe ich beschlossen, Dir zu schreiben. Du kannst mir nicht antworten, aber du wirst es auch gar nicht wollen.
Du glaubst wahrscheinlich, dass ich nach Amerika gefahren bin, wie ich es ursprünglich vor- hatte .Bin ich aber nicht. Hättest Du Dich für mein Schicksal interessiert, wärst du schon längst darauf gekommen. Doch Du bist nicht neugierig (und ist das Interesse am Leben anderer nicht bloße Neugier?).Darum will ich dir von mir erzählen. Am Tag vor meiner geplanten Abreise( und einen Tag nach unserem letzten Gespräch) habe ich mich in meinem Zimmer erhängt. Zuvor schrieb ich einen (wie ich jetzt einsehe, etwas missglückten) Zettel: “Wegfahren ist kein Ausweg“ und legte ihn an einen gut sichtbaren Ort. In meinem jetzigen körperlosen Zustand kann ich weder diesen Zettel neu schreiben noch überhaupt an dem, was ich getan habe, etwas ändern. Dabei wäre das unbedingt nötig. Als ich mich vom ersten Mal von außen gesehen habe -mein Gott, was für ein Anblick! Ich hätte nie gedacht, daß ich mich einmal in so einem scheußlichen Zustand sehen müsste: Meine Augen quollen hervor, meine Zunge war geschwollen und hing heraus. Außerdem hatte ich vergessen, daß man beim Tod durch Erhängen unwillkürlich urinieren muß .Das ist ärgerlich: Da kommt Jemand, der findet deine Leiche, und
sie riecht.
Dir ist bestimmt schon langweilig. “Was soll das?“wirst du sagen.
“Wozu Briefe von jemanden lesen, den man kaum kennt, den es vor allem gar nicht mehr gibt?“, und du wirst den Brief wegwerfen. Aber es hat mich gegeben! Und deshalb schreibe ich Dir. Du sollst wissen, dass es mich gegeben hat und wie ich war, und warum es mich jetzt nicht mehr gibt. Wenn ich Dich zu irgendetwas zwingen kann, dann dazu, mich kennenzulernen. Das ist nicht sehr schwierig, denn ich werde mich nicht mehr ändern, und es wird nichts Neues mehr geschehen.[……..]
Ich erinnerte mich an alles, was in dreiundzwanzig Jahren mit mir geschehen war. Ich war weder beunruhigt noch verwundert, anscheinend sterben auch die Gefühle, wenn der Körper stirbt. Wäre mir die Fähigkeit der Freude geblieben, hätte ich mich darüber gefreut, daß ich mich in diesem meinem neuen Zustand an Dich erinnern und dir Briefe schreiben kann, die du lesen wirst- wenn du es kannst, denn das Gespensterpapier wird dir zwischen den Fingern zerfallen wie eine alte Handschrift.

4.Tag danach

Lieber Willamowitz!

Mein letzter Brief hat dich sicherlich verwirrt .Ich weiß wenn du mir antworten würdest(was du nicht tun wirst), dann würdest du von mir verlangen, die Möglichkeit eines Briefwechsels zwischen Toten und Lebenden wissenschaftlich zu begründen, und wenn ich darauf keine Antwort gäbe, würdest du dich ärgern. Es ist sehr schwierig , gib mir Zeit [……..]
Immerhin hätte ja auch alles anders kommen können. Wäre ich nach Amerika gefahren, hätte ich Dich -in einem Jahr, vielleicht in zwei Jahren -allmählich vergessen, wie all die anderen. Wäre ich am Leben geblieben, wärst du für mich ein Geist geworden, wenn auch nicht gleich, so doch nach und nach. Ich wollte Dich auf keine Fall vernichten, also musste ich andere Mittel und Wege suchen. Da ist mir das in den Sinn gekommen, was ich dann getan habe (möglicherweise habe ich etwas überstürzt gehandelt, aber eine anderen Ausweg gab es nicht).Ich existiere nicht mehr, dafür bist du so existent wie niemand sonst. Jetzt kann ich mich aus meinem Nicht-Sein heraus an Deiner Wirklichkeit erfreuen: Dein Körper ist von straffer Haut umspannt, er hat ein Gewicht, einen Umfang und ich, die Körperlose, kann ihn nicht berühren (aber konnte ich das jemals?).Der Tod der mir alles nahm, gab mir im Gegenzug ein deutliches Erinnerungsvermögen, so daß selbst deine Vergangenheit (das, was ich davon weiß) nicht im geringsten vom Zerfall bedroht ist[……..]
Ich setze mich an den Tisch(ja, setzte! Nein, das ist nur ein Wort…).Ich nahm die Feder , tauchte sie in das Tintenfaß (das hatte ich vorher noch nie gemacht) und begann, einen Brief zu schreiben .Ich weiß Du wirst ihn lesen(schließlich weiß ich jetzt alles),und könnte ich Furcht empfinden, würde ich mich für Dich erschrecken, weil Du verbranntes Papier auseinanderfalten und einen Brief lesen musst, der mit längst eingetrockneter Tinte geschrieben wurde. Doch mit dem Tod werden wir offenbar gleichgültiger. Du mußt Dir ein Herz fassen.Ich will dich nicht quälen, aber es gibt eine Verbindung, die nicht abreißen darf und vielleicht auch nicht kann, weil sie über den Tod hinaus Bestand hat.[………]

[……..]was findest du intressanter?Interessiert Dich mehr das Warum?
Aber man muß nicht erfahren warum, sondern wozu das alles geschah, schließlich war es nicht sinnlos, dass ich mich erhängt habe, auch wenn es dir vielleicht so vorkommt. Du bestreitest mein Recht auf Sinn, der außerhalb dieses Lebens liegt. Du fürchtest nämlich das dieser Sinn einen Bezug zu Dir hätte und damit unsrer beiden Lebens verbinden würde, mein gelebtes und Dein fortdauerndes Leben, eine solchen Bezug befürchtest du, wie man die Verstorbenen fürchtet (weil man Angst hat, sie könnten einen ins Jenseits mitnehmen).Du hast dein Leben wie Deinen Augapfel vor all den Übergriffen gehütet, die dir durch meine Einsamkeit verursacht schienen, für mich aber eine Notwendigkeit waren. Du brauchst keine Angst zu haben .Ja es ist selbst hier eine Notwendigkeit, Dich vor der Indifferenz zu bewahren, mit der die Welt Dich umgeben will. Du fragst, ob es hier eine Zeit gibt. Nein, hier gibt es nichts. Doch unser Nichts ist die Erinnerung daran, was mit uns war. Nie hätte ich gedacht, dass ich ohne Schmerz an dich denken könnte.So ist der Tod.
Der Tod, der uns (die wir nicht mehr sind) das absolute Gedächtnis genommen hat, nimmt uns dafür die Phantasie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dir irgendwann das gleiche zustößt wie mir. Ich erinner mich sehr gut an dein Gesicht, an deine Hände. Sollen die etwa in die Erde vergraben oder verbrannt werden? Kann die Natur, die Dich so vollkommen erschaffen hat, Dich zerstören? Für unsere gemeinsame Zukunft hatte ich mir Spaziergänge vorgestellt. Du gehst ohne Hast, damit die Leute Achtung vor dir haben. Ich wollte neben dir hergehen (ich hätte meine Schritte an deinen gemählichen Schritten anpassen können)und mich mit dir unterhalten. Ich dachte das Gespräch würde niemals aufhören. Es gab soviel, was ich dir erzählen wollte. Ich versuchte es in den Briefen nachzuholen. Du wirst mir nie mehr etwas erzählen. Als ich noch lebte, hast du dich immer unterbrochen, wenn du mit deiner Erzählung angefangen hattest .Dein Inhalt, wertvoll wie das Wasser des Lebens, durfte nicht überfließen (und ich wollte so gern, dass er überfließt, ich wollte mich daran betrinken.)Doch du hast dich geschützt wie sich eine Billardkugel mit ihrer glänzenden Oberfläche schützt.[…….]
„Denn unermüdlich streben wir von Wunsch zu Wunsch: So geht es denn entweder ins Unendliche, oder was seltener ist und schon eine gewisse Kraft des Charakters voraussetzt,
bis wir auf einen Wunsch treffen, der nicht erfüllt und doch nicht aufgegeben werden kann: dann haben wir gleichsam, was wir suchten, nämlich etwas , das wir jeden Augenblick, statt unseren eigenen Wesens, als die Quelle unseren Leidens anklagen können, und wodurch wir nun mit unserem Schicksal entzweit, dafür aber in unserer Existenz versöhnt werden., indem sich die Existenz wieder entfernt, dass dieser Existenz selbst das Leiden wesentlich und wahre Befriedigung möglich sei. Die Folge dieser letzten Entwicklungsart ist eine etwas melancholische Stimmung- folglich eine schon würdigere Erscheining, als das stete Haschen nach immer anderen Truggestalten, welches viel gewöhnlicher ist.“

[…..]Doch es gab etwas was dich zu mehr gemacht hat als Du bist. Die Frage die mich die ganze Zeit umtrieb, lautete:
Dieses Etwas, das dich über alles erhob, was damals in Berlin passierte, war das für dich charakteristisch, oder ist es von mir ausgegangen, weil du mit meinem Schicksal verflochten warst, nicht aber mit dem Schicksal der Welt?
Als du auftauchtest bekam die bewegungslos verharrende Welt plötzlich eine Richtung; sie wurde zu einem Strom, der in dir mündete, wie in einem Trichter. Die Geschwindigkeit, mit der das geschah, nahm ständig zu, so dass mir ganz schwindelig wurde. Ich bewegte mich nicht in die gleiche Richtung, ich stand am Ufer .Der Fluß konnte mich nicht mitreißen, solange ich am Ufers stand, mich an einem Strauch festklammerte und wie verzaubert in den Trichter schaute. Um mich mit der Welt zu bewegen, hätte ich mich in den Strom werfen müssen.
[……..]

[Textauszug"Die Reise der Anna Grom", Maria Rybakova]
oh ich find das echt toll...also was heißt toll-genial eben...ich bin gleich in nen buchladen und habs bestellt. ich muss das jetzt einfach lesen...:-x
[……]Es herrschte Ruhe, himmlische Ruhe. Seit ich Dich kennengelernt hatte, hörte ich auf Pläne zu schmieden. Jeder Tag konnte der letzte sein, und ich lebte jeden Tag, als sei es der letzte. Am Morgen nahm ich mir nicht einmal für den Abend etwas vor, ganz zu schweigen von der jeweiligen nächsten Woche. Manchmal wurde ich gefragt was ich für Pläne für mein Leben hatte. Was hätte ich antworten sollen? Daß meine ganze Zukunft von Deinem Blick abhängt, den ich um 3 Uhr, wenn du ins Institut kommst, auffange, oder vielleicht auch nicht, woraufhin alle Pläne nichtig werden und das Leben sinnlos? Das hätte doch niemand begriffen. Wie gut noch jemand anders zu sein als der, den man von Geburt an ist. Ich wollte Schauspielerin sein, wollte viele Leben anstelle diesen einen durchleben, das als Mal auf meine Stirn gebrannt ist, doch als ich dir begegnete, entzündete sich diese Mal mir einem besonderem Feuer, und ein Leben war genug. Selbst das habe ich abgegeben, um Dich nicht zu vergessen. Alles ringsum erinnerte mich an Dich oder lenkte mich von Dir ab und war dementsprechend ersehnt oder verhasst.[……]
[……]Meine Kindheit erstand vor mir in allen Einzelheiten, in ebenjenen Straßen. In den kleinen Geschäften, in den Schulgebäuden, die eigentlich Tränen der Ergriffenheit bei der Heimgekehrten hätte auslösen müssen. Stattdessen ließen sie mich schaudern vor der Vermengung der Geographie mir der (vermeintlich) vor mir selbst so sorgfältig verborgenen Biografie. Nur gut, dass ich wie üblich niemanden zum Reden hatte, sonst hätte ich zugeben müssen, dass es nur ein Stimmung war, ein Gefühl. Und ich wenn an einer mir aus Kindheit bekannten Mauer vorbeiging dann hätte diese Stimmung nur durch ein banales „Seitdem ist viel Wasser den Fluß hinuntergeflossen!“ausgedrückt werden können. Aber ist das nicht genau das Wasser, von dem ich jetzt umgeben bin? In dieser Stimmung hinein hast du mich angerufen.
Wozu? Oder hat es der Teufel befohlen (schließlich entscheidest du nicht alles allein)?Du riefst mich in Moskau an, und nach meiner Rückkehr riefst du mich ein paar Mal in Berlin an. Danach hast du jahrelang nicht angerufen (noch kurz vor meinem Tod konnte ich das genüsslich sagen, „jahrelang“, ich hatte ein Recht darauf, schließlich sind tatsächlich Jahre vergangen, zwei, drei Jahre, noch vor kurzem war mein Leben so schnell, so flink, dass sich im wesentlichen gar nichts „jahrelang“ ansammelte).Was sich nicht mit dir verband, war zwar noch nicht ganz verblasst, es begann aber doch irgendwie grau zu werden, ich bemerkte die Veränderungen noch nicht, konnte mich nicht wundern, und es gab auch in der Sprache der Lebenden keine richtige Bezeichnung für diesen allmählichen Farbenwechsel .Die ganze Welt erhielt unweigerlich einen neuen Farbton maskierte sich in der Farbe deiner Augen, und später wurde dieser stahlgraue Ton, mit dem einzeigen Wort bezeichnet, mit dem du mir auf meine flehentlichen Bitten geantwortet hast- unmöglich.
freut mich, Momo... kannst mir dann ja mal berichten, gelle?!
[…..]Ich wollte Dich so gerne sehen. Nein, stimmt nicht .Ich wollte einfach in die Kneipe gehen und mich betrinken .Doch allein wollte ich nicht gehen., und Saufkumpanen findet man nicht immer. Ich wusste, dass Leute eine gewisse Zeit zu zweit in Bars verbringen, bevor sie miteinander schlafen. Wenn sie dann das erste Mal miteinander geschlafen haben, hören sie für gewöhnlich auf, sich in der Kneipe zu treffen, weil diese für sie kein Selbstzweck war, sondern lediglich ein Mittel, sich näher zu kommen. Ich hatte aber zu der Zeit die Nase voll von Bettromantik und wollte mich einfach nur inmitten einer lärmenden Menge betrinken .Eine Kneipe das bedeutete vor allem Feiern und so tun als ob. Wie man beim Karneval- dem Fest der Feste- eine Maske brauchte, so waren die laute Musik und das gedämpfte Licht in der Kneipe die Masken des Feierns. Daß sich unter der Maske die Leere verbarg, störte mich nicht, doch es machte mir angst, weil es nichts Rätselhafteres gibt als die Leere, und jedes Rätsel ließ mich daran denken dass noch nicht alles durchlebt war. Ich wollte also, mit dir in die Bar gehen. Du lehntest aber zunächst ab und meintest, Du seiest zu alt dafür, doch weil ich Dich für gleichaltrig hielt (dabei warst du zehn Jahre älter als ich), empfand ich Deine Worte für Koketterie. Schließlich warst du dann doch einverstanden, Dich mit mir zu treffen. Das kam unerwartet und so überstürzt, als hättest Du selber Angst, Du könntest es dir noch anders überlegen. Wir wollten uns in Kreuzberg treffen, wo Türken wohnen und Deutsche mit grünen Haaren und gepiercten Augenbrauen und Lippen, in einem Restaurant mit dem Namen Markthalle, das ich einmal mit einer richtigen Markthalle verwechselt hatte. Da wir uns in aller Eile verabredet hatten, konnte ich nicht mehr zu dem Arsenal von Kosmetik und Lockenwicklern greifen, mit dessen Hilfe ich mein Äußerstes fast völlig verwandeln und einigen Eindruck machen konnte. Doch ich spürte, dass dir das egal war. Auch wenn das Äußere in Deinen Augen eine gewisse Rolle spielte, hatte das keinen Einfluß auf mein Schicksal. Ich beschloß, es für dieses Mal dabei belassen zu lassen und meinen Vorrat an weiblichen Tricks für die weiteren Treffen mit Dir aufzusparen. Doch diese Treffen blieb das einzige seiner Art, und ich brauchte keine idiotischen Tricks mehr.[…..]
[…..]Ich saß rechts von Dir und Deine Nähe ließ mich noch ziemlich kalt. Das konnte auch gar nicht anders sein, denn für die Entdeckung, die mich einige Wochen später heimsuchen sollte, brauchte es einen besonderen Ort; dieser musste von Jemanden ausgesucht werden, der Deine Funktion erfüllte, bis Du geboren würdest, und sie offenbar auch nach Deinem Tod erfüllen wird. Denn Du bist- aus einem mir unverständlichem Grund- endlich wie ich, obwohl das meine Vorstellungskraft übersteigt.[…..]
[…..]Wir tranken zusammen vier Liter Bier und gingen zum fünften über. Du hast mich gefragt, wieso ich tinke. Ich antwortete, dass ich aus dem gleichen Grund trinken würde wie Du.Du sagtest, Nein, das könne nicht sein, daraufhin fragte ich warum Du denn überhaupt trinkst.Du hast gesagt:“Ich trinke, weil mein Leben misslungen ist.“ Ich erkundigte mich, wie Du dass jetzt schon wissen könntest. Du hast erwidert, Du wissest es eben und fertig. Ich war einverstanden und beschloß, dass mein Leben ebenfalls misslungen sei. Das schuf sofort eine gewisse Nähe zwischen uns. Da saßen wir, zwei junge, schöne Menschen, für die sich niemand interessierte, deren Leben misslungen war.[…..]
[…..]Du hast dann vorgeschlagen das Lokal zu wechseln. Diese Nacht hatte von Anfang an etwas besonderes: Es war, als würde sie kein Ende nehmen. Vielleicht tut sie das auch nicht, ich lebe noch und sitze immer noch mit Dir im Restaurant, trinke Bier und weiß nichts von dem was kommt. Wir gingen durch lange, dunkle Straßen. Die Dunkelheit dieser Straßen kam mir vor wie die Verdunkelung im Theater vor Beginn der Aufführung: Jeden Moment musste sich der Vorhang meiner Einsamkeit heben und auf der Bühne…Ja was würde dann auf der Bühne erscheinen? Vielleicht ein Mädchen, in modischem Schwarz gekleidet, in kniehohen Stiefeln, mit dem man Jemanden erschlagen kann, wenn man damit wirft. Ein Mädchen, das Grimassen schneidet und von Wodka und der Küche erzählt .War ich das etwa? Nein, das war die, die mit Dir durch die dunklen Straßen ging, aber das war nicht ich. Ich bin erst einige Wochen später aufgetaucht, auf dem Felsen unter dem griechischem Sternenhimmel. Was ich dort entdeckte., hat sie zu mir gemacht, diese Distanz war nötig. Der hochgezogene Vorhang hätte nur das enthüllen können, was nicht da war, und was nicht da war, konntest Du nicht sehen. Deshalb bist Du mit ihr gegangen- nicht mit mir.
Ich fuhr weg, und hinterher konnte ich gar nicht glauben, dass das wirklich passiert war. Kaum warst Du aus meinem Blickfeld verschwunden, erfasste ich die ganze Außergewöhnlichkeit dessen, was geschehen war- aber was genau daran das Außergewöhnliche war, konnte ich nicht sagen. Während es sich ereignete, hatte es den Anschein, als würde es noch oft geschehen; doch als das Taxi anfuhr und ich mich von Dir und der Kneipe entfernte, begann sich auch das Geschehene von mir zu entfernen, schneller als das Auto fuhr. Selbst wenn ich das Taxi hätte wenden lassen, ich hätte nicht mehr daran zurükkehren können. Ebendeshalb frage ich mich immer, wenn ich mich an unsere Begegnung erinnere: Ist es wirklich geschehen? Hätte es nicht die Hoffnung auf Rückkehr gegeben, die lange, starke, verzweifelte Hoffnung, die erst vor fünfundzwanzig Tagen mit mir gestorben ist, dann wäre unsere Begegnung verschwunden, ohne eine Spur in der Kneipe oder sonstwo zu hinterlassen, als hätten nicht wir, sondern die Schatten an jenem Abend miteinander geredet.[…..]
%25