3.Tag danach
Lieber Willamowitz!
Du lebst- ich bin tot .Du widmest Deine Zeit dem Studium der toten Sprachen, vielleicht bin ich auch nun, da ich nicht länger lebe, von Interesse für Dich. Deine Aufmerksamkeit gilt Büchern, die vor zweitausend Jahren geschrieben wurden .Ihre Verfasser sind schon vor langer Zeit gestorben, ich bin erst seit kurzem tot, doch immerhin kannten wir uns zu Lebzeiten, und so wirst Du mir diese kurze Frist wohl nachsehen und meine Briefe lesen. Unser letztes Gespräch brach mitten im Satz ab, weil ich gehen mußte. Ich möchte aber noch ausreden, zumal wir nie wieder Gelegenheit haben werden, uns zu sehen .Deshalb habe ich beschlossen, Dir zu schreiben. Du kannst mir nicht antworten, aber du wirst es auch gar nicht wollen.
Du glaubst wahrscheinlich, dass ich nach Amerika gefahren bin, wie ich es ursprünglich vor- hatte .Bin ich aber nicht. Hättest Du Dich für mein Schicksal interessiert, wärst du schon längst darauf gekommen. Doch Du bist nicht neugierig (und ist das Interesse am Leben anderer nicht bloße Neugier?).Darum will ich dir von mir erzählen. Am Tag vor meiner geplanten Abreise( und einen Tag nach unserem letzten Gespräch) habe ich mich in meinem Zimmer erhängt. Zuvor schrieb ich einen (wie ich jetzt einsehe, etwas missglückten) Zettel: Wegfahren ist kein Ausweg und legte ihn an einen gut sichtbaren Ort. In meinem jetzigen körperlosen Zustand kann ich weder diesen Zettel neu schreiben noch überhaupt an dem, was ich getan habe, etwas ändern. Dabei wäre das unbedingt nötig. Als ich mich vom ersten Mal von außen gesehen habe -mein Gott, was für ein Anblick! Ich hätte nie gedacht, daß ich mich einmal in so einem scheußlichen Zustand sehen müsste: Meine Augen quollen hervor, meine Zunge war geschwollen und hing heraus. Außerdem hatte ich vergessen, daß man beim Tod durch Erhängen unwillkürlich urinieren muß .Das ist ärgerlich: Da kommt Jemand, der findet deine Leiche, und
sie riecht.
Thema
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