Ein Märchen für Erwachsene
Es waren einmal ein Verstand und eine Seele, die in einem gemeinsamen Häuschen lebten. Es war nicht mehr ganz neu. Hier und da blätterte bereits die Farbe ab, doch es war ihr Geburtshaus und die Seele liebte es so, wie der Verstand es behütete. Früher war es sehr hübsch. Von allen bewundert, sonnte sich die Seele göttlich davor. Wie es ihre Art war, wollte sie ihr Glück immer wieder mit anderen teilen. Sie freute sich über jeden Gast und verteilte großzügig von ihrem Liebeskuchen, in der Hoffnung, dass auch der Gast ihr seinen Liebeskuchen darreichte.
Der Verstand, von der Seele liebevoll Köpfchen genannt, versuchte sie vor allzu viel Vertrauensseligkeit zu warnen, doch er fand kein Gehör. Von Sehnsucht und Hunger war die Seele so geblendet, dass sie voller Blauäugigkeit bereitwillig Türen und Fenster öffnete und zu spät bemerkte, dass sich Schmarotzer einnisteten. Sie nutzten die arme Seele aus und hinterließen Verwüstungen und Chaos. Die Seele litt dann immer fürchterlich. Das Köpfchen konnte ihr Leid nicht mit ansehen und half ihr ganz resolut, wieder Ordnung in ihrem Heim herzustellen. Ihre schmerzenden Wunden allerdings, konnte nur die Zeit heilen.
Viele gewaltige Stürme hatten die beiden so in ihrem kleinen Haus überstanden und mit der Zeit bekam es Risse und wurde baufällig. Köpfchen und Seelchen beschlossen, es von Grund auf zu erneuern. Die mühsame Kleinarbeit kostete sie unheimlich viel Kraft und um das nicht wieder auf s Spiel zu setzen, einigten sie sich, niemanden mehr einzulassen. Die Seele ordnete sich dem klugen Köpfchen unter und lernte, sich an kleinen alltäglichen Dingen des Alltags zu erfreuen. Sie lebten in beide im Einklang, als vernünftige Sanftmut. Ob das einer Seele auf Dauer genügt, wissen wir nicht. Unserer Seele jedenfalls, fehlte etwas. Das sah auch das kluge Köpfchen ein und erlaubte der Seele zu naschen und zu spielen, in ihrem Beisein natürlich, als gleichberechtigter Partner.
Eines Morgens jedoch war das Köpfchen sehr wütend:
Hör zu Seelchen, das war nicht so ausgemacht. Bei dem gestrigen Spiel mit unserem Gast, hast du dich unverschämt in den Vordergrund gedrängelt. Ab und zu wollte ich auch einmal etwas sagen. Du hast einfach die Regie übernommen und nur, wenn es dir in den Kram passte, hast du dich an mich erinnert."
Störrisch stampfte die Seele mit dem Fuß auf: Jetzt war ich eben mal dran. Lange genug habe ich dir die Führung überlassen, weil du der Vernünftigere von uns beiden bist. Außerdem war ich ja auch noch immer krank"
"Von wegen krank! Du hast wahrscheinlich schon ziemlich lange in der Ecke gelauert und nur auf den Moment gewartet, mich hintergehen zu können. Dabei weißt du genau, dass nie etwas Gutes bei deinen Alleingängen herauskommt!"
Ziemlich geknickt bat die Seele ihr Köpfchen um Verzeihung: Das wollte ich nicht, ich habe es einfach vergessen."
" Seelchen, es macht mich sehr traurig. Deine Vergesslichkeit und dein Hunger treiben uns noch in den Ruin. Wir hatten es doch gut miteinander. Ich habe dir Sicherheit gegeben und du konntest viele schöne Dinge genießen. Oder waren sie nicht köstlich für dich?"
"Doch, ja. Aber es waren doch nur Krümel. Wie sollte ich davon satt werden? Einmal wieder in ein großes Stück Kuchen beißen, das ist das Höchste, was ich ersehne!"
Noch immer wütend erkannte das Köpfchen, wie unverbesserlich die Seele in ihrem Bestreben war. Sie wollte einfach Alles. Bedingungslos geben und nehmen. Jetzt blieb ihm nur noch die Schadensbegrenzung... Nun gut Seelchen. Du hast Deine Gier letzte Nacht gestillt. Da du nun satt bist, sollten wir den Vorfall einfach vergessen und zu unserer bewährten Lebensweise zurückkehren."
Ganz kleinlaut und leise antwortete die Seele: Ich glaube, das geht nicht."
"Was soll das schon wieder heißen?!"
"Schau Köpfchen, gestern habe ich von unserem Gast einen köstlichen Kuchen bekommen. Er ist endlos groß, mit so vielen Weintrauben und ich könnte immer davon haben. Die Versuchung ist zu stark!"
Völlig außer sich über so viel Dummheit: Du bist ja süchtig! Sucht macht abhängig und genau das wollten wir für die Zukunft ausschließen! Kein Risiko das war abgemacht!"
Weinerlich das Seelchen: Welches Risiko denn? Ich will doch nur satt sein, dann will ich auch zufrieden sein."
"Satt kannst du auch anders werden."
Thema