Das Meer
Sie steht auf der hohen Klippe am Meer und hört die Wellen brechen. Ihr ist, als fühlt sie sogar die Erschütterungen unter ihren bloßen Füßen, wenn die Wellen gegen die Klippen donnern. Die Luft riecht frisch und ist salzig. Sie kann das Salz sogar auf ihren Lippen fühlen. Der Wind trägt ihr eine Fülle von Gefühlen entgegen, die sie nicht identifizieren kann, doch sie spürt dass er sie mit sich trägt. Er fährt ihr wie eine sanfte Hand durch die Haare, die ihr aus dem Gesicht geweht werden. Plötzlich fühl sie sich leichter, beschützt. Sie ist nicht allein mit ihren Gefühlen. Der Wind wird auch ihre mit sich tragen und ihr einen Teil der Last abnehmen. Er wird auch ihren Schrei mitnehmen. Das tröstet. Sie hebt sie Hand, wie um ihn zu fassen, ihn zu berühren und fühlt, wie ihr die unsichtbare Kraft durch die Finger gleitet. Das dünne lange Hemd wird vorn gegen ihren Körper gedrückt um hinten wie ihre Haare zu flattern. Es ist, als müsste sie sich nur strecken, nur ganz leicht abstoßen und sie könnte mitfliegen. Von den Händen des Windes fort getragen werden. In ihren Augen spiegeln sich Weite und Endlosigkeit des Ozeans wieder. Sie versucht all das in sich aufzunehmen, das ganze perfekte Bild. Die Harmonie der Kräfte, die seit Ewigkeiten denselben Tanz miteinander tanzen, aufeinander treffen und sich entfalten. Es ist tröstend, dass es beständig ist. Sie fühlt sich plötzlich klein und unbedeutend. Den Wellen ist es egal, wer sie ist. Sie bewegen sich in dem uralten Rhythmus der Gezeiten wie eh und je. Ein Menschenleben ist ein Regentropfen auf ihrer Oberfläche. Unbedeutend. Zwar formen viele Tropfen eben dieses Meer, doch sie als einzelne macht nichts aus. Die Masse macht es. Doch sie ist allein.
Plötzlich fühl sie es wieder, diesen Druck. Sie fühlt sich gefangen in ihrem Dasein. Fühlt sich bedroht durch ihre eigene Existenz. Wo ist der Sinn, fragt sie den Wind. Warum all das Leid, warum die Schmerzen? Es ist so sinnlos. Geboren werden um zu leiden, um zu sterben. Weinend und hilflos kommst du auf diese Welt, von Schmerzen gebeutelt und immer noch hilflos verlässt du sie wieder. Warum haben wir ein Bewusstsein, wenn wir doch nur im Ganzen als Einheit zählen? Was ist schon ein Leben?
Was ist schon ihr Leben?
Ein Trümmerhaufen, vor dem sie steht, Scherben, an denen sie sich geschnitten hat. Sinnlos. Was tut sie noch hier?
Sie ist es so leid, ist es müde, immer wieder aufzustehen und für nichts und wieder nichts weiter zu machen. Wozu denn noch? Es gibt keinen Grund. Zu lange hat sie danach gesucht, verzweifelt, voller Hoffnung. Sie hat erfahren müssen, dass nichts so weh tut wie enttäuschte Hoffnung.
Sie schließt für einen kurzen Moment die Augen, sucht in ihrem Innern nach einem letzten Funken. Doch wieder erkennt sie, dass er erloschen ist. Sie sieht nichts als kalte, bohrende Dunkelheit, die sich bis in ihre Seele gefressen hat. Leben ist Licht. Die Finsternis tötet ihre Seele. Sie fühlt die tastende, dunkle Hand die nach ihren Gedanken und Gefühlen greift. Es ist zu spät, sie weiß es. Hat es zu lange nicht wahr haben wollen, doch nun sieht sie der Wahrheit endlich ins Gesicht und erkennt, was sie tun muss.
Die Tränen schießen ihr wieder in die Augen. Es sind Tränen der Wut und der Hilflosigkeit. Sie muss endlich ausbrechen, muss der Finsternis entfliehen, die von ihrem Leben Besitz ergriffen hat. Sie kann die Schmerzen und all das nicht mehr ertragen.
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