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Das Meer Part 1

Das Meer

Sie steht auf der hohen Klippe am Meer und hört die Wellen brechen. Ihr ist, als fühlt sie sogar die Erschütterungen unter ihren bloßen Füßen, wenn die Wellen gegen die Klippen donnern. Die Luft riecht frisch und ist salzig. Sie kann das Salz sogar auf ihren Lippen fühlen. Der Wind trägt ihr eine Fülle von Gefühlen entgegen, die sie nicht identifizieren kann, doch sie spürt dass er sie mit sich trägt. Er fährt ihr wie eine sanfte Hand durch die Haare, die ihr aus dem Gesicht geweht werden. Plötzlich fühl sie sich leichter, beschützt. Sie ist nicht allein mit ihren Gefühlen. Der Wind wird auch ihre mit sich tragen und ihr einen Teil der Last abnehmen. Er wird auch ihren Schrei mitnehmen. Das tröstet. Sie hebt sie Hand, wie um ihn zu fassen, ihn zu berühren und fühlt, wie ihr die unsichtbare Kraft durch die Finger gleitet. Das dünne lange Hemd wird vorn gegen ihren Körper gedrückt um hinten wie ihre Haare zu flattern. Es ist, als müsste sie sich nur strecken, nur ganz leicht abstoßen und sie könnte mitfliegen. Von den Händen des Windes fort getragen werden. In ihren Augen spiegeln sich Weite und Endlosigkeit des Ozeans wieder. Sie versucht all das in sich aufzunehmen, das ganze perfekte Bild. Die Harmonie der Kräfte, die seit Ewigkeiten denselben Tanz miteinander tanzen, aufeinander treffen und sich entfalten. Es ist tröstend, dass es beständig ist. Sie fühlt sich plötzlich klein und unbedeutend. Den Wellen ist es egal, wer sie ist. Sie bewegen sich in dem uralten Rhythmus der Gezeiten wie eh und je. Ein Menschenleben ist ein Regentropfen auf ihrer Oberfläche. Unbedeutend. Zwar formen viele Tropfen eben dieses Meer, doch sie als einzelne macht nichts aus. Die Masse macht es. Doch sie ist allein.
Plötzlich fühl sie es wieder, diesen Druck. Sie fühlt sich gefangen in ihrem Dasein. Fühlt sich bedroht durch ihre eigene Existenz. Wo ist der Sinn, fragt sie den Wind. Warum all das Leid, warum die Schmerzen? Es ist so sinnlos. Geboren werden um zu leiden, um zu sterben. Weinend und hilflos kommst du auf diese Welt, von Schmerzen gebeutelt und immer noch hilflos verlässt du sie wieder. Warum haben wir ein Bewusstsein, wenn wir doch nur im Ganzen als Einheit zählen? Was ist schon ein Leben?
Was ist schon ihr Leben?
Ein Trümmerhaufen, vor dem sie steht, Scherben, an denen sie sich geschnitten hat. Sinnlos. Was tut sie noch hier?
Sie ist es so leid, ist es müde, immer wieder aufzustehen und für nichts und wieder nichts weiter zu machen. Wozu denn noch? Es gibt keinen Grund. Zu lange hat sie danach gesucht, verzweifelt, voller Hoffnung. Sie hat erfahren müssen, dass nichts so weh tut wie enttäuschte Hoffnung.
Sie schließt für einen kurzen Moment die Augen, sucht in ihrem Innern nach einem letzten Funken. Doch wieder erkennt sie, dass er erloschen ist. Sie sieht nichts als kalte, bohrende Dunkelheit, die sich bis in ihre Seele gefressen hat. Leben ist Licht. Die Finsternis tötet ihre Seele. Sie fühlt die tastende, dunkle Hand die nach ihren Gedanken und Gefühlen greift. Es ist zu spät, sie weiß es. Hat es zu lange nicht wahr haben wollen, doch nun sieht sie der Wahrheit endlich ins Gesicht und erkennt, was sie tun muss.
Die Tränen schießen ihr wieder in die Augen. Es sind Tränen der Wut und der Hilflosigkeit. Sie muss endlich ausbrechen, muss der Finsternis entfliehen, die von ihrem Leben Besitz ergriffen hat. Sie kann die Schmerzen und all das nicht mehr ertragen.
Das ist es nicht wert.
Sie geht zum Rand der Klippen und starrt in das brodelnde, donnernde Wasser, das gegen den Stein spritzt. Was soll sie tun? Was, wenn sie einen Fehler macht? Ist es feige? Wird sie sich selbst noch mehr hassen als ohnehin schon? Oder ist es der einzige Ausweg?
Aber warum sollte sie sich ein Leben lang gegen den Rest der Welt stellen, sich einem Dämon stellen, dem sie nie gewachsen sein wird? Wie sinnvoll ist ein unfairer und aussichtsloser Kampf? Was bringt es, ihn noch länger zu kämpfen? Sie zerbricht daran, ist schon längst zerbrochen und ist es leid. Sie kann nicht mehr. Schon lange nicht.
Das Wasser bewegt sich weiter, als wollte es sagen, dass ihm all das egal ist. Die Gedanken eines unbedeutenden Regentropfens sind es nicht wert, den Rhythmus zu verändern. Was er tut ist egal. Sie fühlt wieder Wut. Will es verändern. Will eine Chance, sich aufzulehnen und zu siegen. Doch sie weiß, dass es die niemals geben wird. Wie viele vor ihr standen hier und dachten das Gleiche? Was haben sie getan? Dasselbe wie sie?
Sie hat Angst. Doch diese Angst ist anders als die, die sie normalerweise spürt. Diese Angst ist umgänglicher, nicht so bohrend und verzehrend. Es kann nicht schlimmer werden. Nur besser. Sie wird sehen, was es dann für eine Wahrheit geben wird.
Solange es nicht die gleiche wie jetzt ist.
Sie hebt den Kopf und schaut zum Horizont. Sie kann nicht sehen, was dahinter ist. Genau wie es ihr jetzt auch geht. Sie weiß nicht, was danach sein wird. Sie weiß nicht, was sie erwartet. Wie viel Mut ist nötig, um dahinter zu schauen? Sie fühlt sich dem gewachsen.
Frei wie ein Vogel.
Ein Traum, lange schon, unerfüllt und jetzt doch greifbar nah. Eine Chance. Lohnt es sicht, sie nicht zu verpassen?
Sie lächelt plötzlich. Sie wird fliegen. Das Meer ist wie ihre Sehnsucht. Unberechenbar, wild und nicht zu kontrollieren. Es birgt Geheimnisse in sich und wo es endet, kann man nicht absehen. Sie kann das Meer in ihrer Sehnsucht erkennen und sehen, so lange schon.
Sie will eins werden, mit dem Meer aus ihrer Sehnsucht, ihren Wünschen, will eins werden mit jenem beruhigenden Rhythmus, der ihr keine Tränen mehr abverlangt und ihr Frieden schenkt. Freiheit. Frei wie ein Vogel, frei wie das Meer. Keiner kann sich dem Meer stellen oder es besitzen. Es lässt sich nicht befehligen, es ist frei.
Sie schließt die Augen, um das Meer noch deutlicher zu sehen. Sie trägt es in sich, so lange schon, sieht es klarer denn je. Sie breitet die Arme aus, spürt den Wind, prüft zum letzten Mal, wie sich das Leben anfühlt, um diese Erinnerung in sich zu bewahren und aufzunehmen. Dann lässt sie sich fallen. Kann endlich fliegen.
Frei wie ein Vogel.
Frei wie das Meer.

Ein verdrehter Körper liegt auf der Straße. Die blinden Augen starren offen, auf dem blutüberströmten Gesicht liegt ein seltsames Lächeln. Das Nachthemd ist ebenfalls voller Blut, die Glieder zerschmettert. Offensichtlich Selbstmord. Sie ist einfach von dem Gebäude gesprungen, mitten auf die Straße. Sie soll die Arme ausgebreitet haben wie ein Vogel, als wollte sie fliegen.
Der Rettungssanitäter weiß, dass er nichts mehr tun kann, doch er bleibt sitzen und sieht sie an. Sie lächelt wirklich. Ihre Augen scheinen etwas zu sehen, dass sonst niemand sieht. Wer weiß, was sie kurz vor ihrem Tod gesehen haben mag. Für einen Moment ist ihm, als sehe er eine Wellenbewegung, wie das Meer in dem leeren Blick. Er blinzelt verwirrt. Sieht wieder hin.
Eine Illusion.
:-(:-(:-(

:-love:-herz
:-love :-herz zurück....

so isses...