Meine Haut spannte angenehm. Nachwirkungen einer kombinierten Salz/UV-Tortur, den ganzen gottverdammten Tag in der Sonne, den ganzen Tag am Meer.
Ich betrachtete entspannt den geringer werdenden Kontrast zwischen der Farbe meiner Finger und dem edlen Tresenholz, zwinkerte der unglaublichen Kellnerin zu und sie verstand auf Anhieb - ich war ja nicht das erste Mal in dieser vorzüglich situierten Hotelbar: Red Label. Rocks. Und, Hase: Keine Eile...
Es war ja grad mal halb zehn. Das exzellente Dinner machte Anstalten, sich in seine molekularen Bestandteile zerteilen zu lassen und mein Magen quittierte dieses Bemühen mit einem wohligen Knurren, ja, man möchte fast sagen: Mit einem Schnurren.
Das Hotel hatte was springen lassen. Die örtlichen Nutten hatten sich wie ABBA verkleidet und unterhielten den Mob. Der Pianist war ganz gut. Der Ober schwang breit lächelnd die Hüften - vermutlich war er besoffen. Ähnlich debil wie er grinste auch der Gitarrist. Er war voll drauf, spielte den wuchtigen Soundtrack seiner in Sangria aufgelösten Jugendträume von Jimi Hendrix und Slash. War es Schweiß, der in seinen Augenwinkeln glitzerte wie Elvis%27 Palliettengürtel? Oder doch Tränen?
Anyway. Ich prostete ihm zu.
Während des 5. Songs von ABBA und Elvis%27 kleinem Bruder starben drei Hotelgäste unbemerkt an Herzversagen.
Zwölfjährige erleben erste Hormonabstürze, wandelnd durch Schwaden von billigen Impuls-Deodorants, wetterigieren bei Anblick eines Fußkettchens und demonstrieren bereits pubertäre Rebellion: Angesichts der elterlichen, romantisch-körperlichen Zärtlichkeiten bei "unserm Lied" mitten auf der großen, grooooßen Tanzfläche drehen sie sich angewidert ab.
So finden sich drei bis vier Generationen zugleich auf der Tanzfläche, vollführen ihre gnadenschusserflehende Choreographie des absurden Horrors; beklatscht von mitleidigen Animateuren, die sich nach nichts so sehr sehnen wie die After-Show-Gruppensexorgie mit den Hotelpagen.
Man muss wohl dagewesen sein, um es zu verstehen. Wie bei Woodstock. Atmet man vor Ort die Atmosphäre dieses Abends im "Grand Hotel ****" und spült sich die Röhre mit Sangria und Sunrise aus, verliert sich der Realismus wie Babyschiss im Nichtschwimmerbecken: Wir können ALLE singen, wir können ALLE tanzen, jawoll. Denn um 21:30 in der Hotelbar Tropicana sind WIR die Stars. Volles Rohr ins Mikro, koste was es wolle, und wenn es auch dem einen oder anderen ergrauten Bildungsbürger im Korbstuhl das Blut aus den Ohren treibt - im Sinne der Erlebnissolidarität wird ALLES tolleriert, auch Hausfrauenkaraoke.All dies betrachtete ich nun und nippte am Whiskey. Ich entdeckte in diesem Treiben Verabscheuenswürdigendes und Armes, aber zugleich wurde ich mir bewusst - und da musste ich leise in meinen Drink lächeln -, was dies alles wirklich war:
menschlich.
Draußen lief ein Angestellter zur Ungezieferbekämpfung seine Runden durch den Garten. Mit der Maske sah er aus wie ein GI bei Giftgasalarm und so wunderte ich mich eine Weile, was der Typ da wirklich verspritzte und wie wohl reagiert würde, wenn er das NICHT klammheimlich in der Nacht täte.
Ein erneuter Blick auf die Uhr. Müsste nicht schon längst... ah ja! Endlich! Haha, herrlich: Die Sprinklerdüsen an der Decke husteten einen kleinen Vorschuss aus, dann sprangen sie vollständig an und begannen den Saal zu fluten. Freudig blickte mir der Wal von vorhin zu, sie war auf der Tanzfläche und ich sah ihr Körperfett wie in einer Matrix-Zeitlupenaufnahme schwingen. Sie strahlte mich an, ja, schien mich sogar hineinzuwinken. Sie registrierte mit kurzer Überraschung das kühle Nass, wurde durch besagte "Urlaubssstimmung" jedoch dazu getrieben, statt mit Unbill zu reagieren nun in gelungener DJ-Bobo-Gestik die Arme zum "Himmel" zu recken und weiterzutanzen wie ein LimpBizkit-Groupie bei Platzregen.
Indes, dies geschah BEVOR die ersten Tropfen Kerosins ihre unheilvolle Liäson mit den Wunderkerzencocktails eingingen.
Mit einem finsteren Grollen walzte sich eine mindestens 1200 Grad heiße Feuerwand durch das Korbgeflecht der Urlaubsstühle, durch Arme, Beine, Lungen und Cocktailschirmchen. Faktor 24 half da ebensowenig wie dumm gucken.
Zufrieden entflammte ich meine Zigarette - eine warme, nach verbranntem Horn riechende Böe zauste sehr dekorativ mein Haupthaar - ging zum Hoteleingang, stieg in mein Auto und fuhr mit ausgeschalteten Lichtern davon. Ich glaube, ich hörte Marilyn Manson, vielleicht war es aber auch ABBA.
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