Ein Ratgeber für Weißwürste, Ossis und korruptes Rheinland-Volk, wenn es Sie mal auf die Kieler Woche verschlagen sollte. Hier tanzt die Robbe Boogie, da kotzt die Möve Vodka und Heide Simonis lässt sich nackt auf die Gorch Fock fesseln!
Ich setze mal voraus, dass sie mit den europäischen Möglichkeiten der Anreise über Bus, Bahn, Flugzeug oder Fähre vertraut sind, sich mit den Jungs aus dem örtlichen Schrevenpark über Nachtquartier gegen anale Gefälligkeiten Zug-um-Zug geeinigt haben und wir gleich zur Sache kommen können.
Sie sollten zunächst gegen Nachmittag zu Kiellinie gehen, jenen betonierten Wanderstreifen, der die Kieler Förde säumt und im Prinzip den harten Kern des Geschehens während der Kieler Woche ausmacht. Gebietserkundung. Machen Sie sich ein Bild der strategischen Lage.
Sie werden es benötigen.
Zu dem Zeitpunkt ist meist alles recht friedlich. Kieler Woche, das bedeutete vor allem Freiheit: Die Freiheit Leuten den Mist zeigen zu dürfen, den man in der zähen Mußezeit des Hausfrauendaseins oder im Rausche der Menopause oder einfach nur in den hirnlosen ersten Jahren des Menschseins auf den Weg gebracht hat. Shanty-Chöre, Volkshochschulgruppen und Jongleure, sprich gammelndes Pack rottet sich allen Ortens zusammen und lädt zum Wegschauen ein. Lustig kann es bei den Gaucklern werden, wenn sich die geltungsgeilen Feuerspucker spontan selbstentzünden, aber auch das ist meist ein eher kurzer Spaß und ohne geeignetes Politikum nicht wirklich reizvoll.
Sie wollen jetzt vielleicht ihre Sperma-Fluß-Skulpturen aufstellen, oder zeigen, wie man auf einer Haushaltsrolle Trompete spielt, aber:
Stehen Sie das durch.
Daneben gibt es natürlich noch diverse kleine Baugerüsttürmchen von hippen kleinen Radiosendern mit DJs oben drauf, die immer runterbrüllen, man solle doch gefälligst die Arme hoch und bewegt euch ihr Wichser sonst werf ich mit Glas und nagut, letzteres hat er wohl eher gedacht als gesagt, aber das ganz bestimmt.
Menschen auf der KiWo, wie man hier so hip sagt, lassen sich widerstandslos klassifizieren - wenn Sie einen widererkennen, grüßen Sie ihn und lassen Sie alle wissen, dass sie ein Kenner sind. Die drei dollsten:
1. Die dralle Sau.
Laut und verschnürt wie Rügentaler Teewurst: Weiß-feiste Blondbratzen, meist 12-16 Jahre alt, schwingen sich immer, ja immer bauchfrei durch das Getümmel, suchen mit klirrender Stimme stets Anschluss an das nächste, womöglich weit vorgestoßene Leittier und tippen sich dabei die geschmacklos zwischen schwarz und eichelrosa changierenden Fingernägel wund.
Noch einmal zur Stimme, das ist wichtig: Ein "Hallo?" beispielsweise klingt nicht einfach nur laut. Das auch. Es ist vielmehr der Eindruck eines hochgestimmten Nebelhorns, das nach dem binären Alles-oder-Nichts-Prinzip funktioniert.
2. Die verirrte Schickse
Ganz anders dieses Exemplar: Sie passt so gar nicht zum Getümmel. Häufig aus Hamburg importiert steht sie etwas verunsichert neben einer der vielen Primitiv-Mucke-Ständen, die Schultern angezogen, so dass sich der braune Leder-Blazer knautscht und hält mit dem Äußersten der Fingerkuppen eine Zigarette in unmittelbarer Mundnähe. Sie guckt hektisch hin und her, ständig in der Angst es könnte sie jemand im Vorbeigehen vergewaltigen und wippt vermeintlich locker aus den Knien - zu, beispielsweise, "ein knallrotes Gummiboot" oder Jeanette Biedermann. Sie ist hier, weiß nicht warum und will wieder gehen, aber das geht nicht. Denn sie ist zum Spaß hier. Und wie. Sie wurde mitgeschleppt von Leuten, die sie nicht mögen, diese Leute sind nun ganz woanders, am Pilz, im Jeansjacken-KZ oder womöglich nicht einmal mehr in Kiel. Aber sie protokolliert jede Sekunde, und dann, am nächsten Morgen im Sekretäriat vom HDW oder Axel Springer wird sie mit gekonnt zitternder Stimme erzählen:
"boaaaah ich bin tierisch abgegangen",
"...ich war so voll...",
"...die ganze Nacht gefeier"
3. Die geile Muddi
Jenseits der Fünfzig beginnt das Leben. Spätestens nach dem achten Grand Marinié an Bord einer Plastikwanne von Motoryacht glaubt das jede altreiche Schrulle der Kiellinie. Die reanimierten Lebensgeister solcher Trockengewächse lassen erstaunliche Reaktionen zu: Wild winken die alten Damen jungen Männern am Pier zu, krakehlen ausschließlich in voller Lautstärke (vgl. Nebelhorn, Jeanette, s. o.) quer über das Meer und können zu später Stunde sogar versaute Witze zu den Küstenpollern entwickeln, ohne mit der Wimper zu zucken.
Gib alles, Muddi.
Ach ja: Fettiges Zeuch als Grundlage gibt es alle vier Meter, pissen können Sie ins Meer und, naja, was die wirklich dicken Geschäfte angeht, sollten Sie Ihre Enthemmung abwarten.
So. Irgendwas vergessen? Hoffentlich nicht. Man kann quasi nie gut genug vorbereitet sein, auf das Volksfest Nummer Eins:
die gottgeile Kieler Woche.
Thema
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