Wer lange genug fremdschämt, wird zynisch
Wir denken uns eine Situation in einer beliebigen Nacht: Es ist zu spät, um noch etwas Sinnvolles zu tun aber auch zu früh, um schon schlafen zu gehen.
Geistesabwesend hängen wir vor der Glotze, zappen lustlos durchs Programm. Und da ist sie- die wunderschöne Sonja Kraus mit ihren langen Beinen und dem tiefen Ausschnitt. Wie gefesselt folgen wir ihrer Anmoderation, lauschen dem sarkastischen Ton ihrer Stimme- und können anschließend nicht anders: Wir schauen uns das Best-of der Talkshows an.
Dort sitzt Inge, die dem Dieter mitteilt, dass seine Zahnhygiene zu wünschen übrig lässt oder auch Silvia, die ihrer Schwiegertöchter zu verstehen gibt was für eine schlechte Mutter sie wäre und sich dabei in einen Wahn schreit; das Gesicht puterrot.
Nicht zu vergessen das Ehepaar Meier, welches sich auseinander gelebt hat und nun mit einem Lügendetektortest das Unvermeidbare verhindern will- oder Jenny, die mit 120 kg einen Striptease der Extraklasse auf das Parkett legt, um anschließend jeden Kritiker zu erklären, wie heiß sie sei und wie wohl sie sich in ihrer Haut fühle.
Aber das Beste zum Schluss: Rolf möchte seine Exfrau unbedingt zurück und lässt dabei nichts unversucht. Aufgeregt betritt er das Studio und setzt mit zitternder Stimme an, um Ivonne Catterfelds Für Dich zu schmettern.
Spätestens in diesem Moment wünschen wir uns einen Rollkragenpulli, um unser Gesicht zu verstecken oder einen sandigen Unterboden, um ein großes Loch zu graben.
Es ist peinlich, einfach nur peinlich- und wir schämen uns.
Aber warum?
Was ist da gerade genau passiert?
Wir schämen uns vor der Scham! Uns sind andere Menschen peinlich, obwohl wir nicht einmal im direkten Kontakt mit ihnen stehen. Fremdschämen wird das Ganze genannt- und in diesem Artikel: http://www.justmag.net/article417.html folgender Maßen erklärt:
Fremdschämen, das virtuelle schlechte Gewissen. Das Oh mein Gott, wie kann er nur?, das stille Beobachten der Selbstdemontage eines Menschen, der Verlust von Würde in einer Situation, die überfordert.
Aber nicht nur beim TV schauen erwischt uns dieses Gefühl. Es kann überall passieren:
Das ist der Typ, der in der Einkaufsmeile Blowing In The Wind singt. Jemand, der seine verbleibenden Haare über die Halbglatze kämmt, jemand, dem Spinat zwischen den Zähnen klemmt und dennoch lacht.
Eine richtige Trendwelle scheint diesbezüglich auszubrechen- sogar neue Showkonzepte werden entwickelt (siehe Text).
Wie ist das mit euch?
Schämt ihr euch für andere? In welchen Situationen?
Und was denkt ihr über die Menschen in den Talkshows?