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Die letzten turbulente Wochen

Die letzten turbulente Wochen

Insgeheim hatte der Streß gehofft, in den Wochen vor Weihnachten eine Atempause einlegen zu können. Monat für Monat war er in rastloser Hast durch das Land geeilt -der Erschöpfung nahe. Aber schon der erste Sonntag im Advent ließ erkennen, daß die von ihm gehegten Hoffnungen sich nicht erfüllen würden. An jenem Tag strömten die Menschen in die Kaufhäuser und Geschäfte, um sich mit Waren und Elementen aller Art, die sprachgebräuchlich und traditionsbewusst "Geschenke" genannt werden, einzudecken. Dabei ging es lärmend und aufgeregt zu, als gelte es, einen sportlichen Wettberwerb zu gewinnen. Der Stress hatte alle Hände voll zu tun.
Am zweiten Adventsonntag war es nicht anders. Statt in aller Stille auf die Ankunft des Heilands oder Christkindl, oder wer auch immer kommen würde, zu warten, drängten sich die Herrschaften und Käuferscharen erneut in der Innenstadt und ließen die Landeskassen klingeln. Der Stress mischte sich unter des Volkes Menge und hielt kräftig mit, so gut er konnte. Da geschah es, daß er völlig unerwartet die Hektik in den Armen hielt.
Beladen mit taschen und Tüten war sie, von der Rolltreppe hüpfend, ausgerutschtund hatte direkt vor ihm das Gleichgewicht verloren. Selbstverständlich verhinderte der Stress als Kavalier blitzschnell zupackend den drohenden Sturz. Die Hektik bedankte sich und fragte nach seinem Namen. Als sie vernahm, daß er der weltbekannte Stress sei, geriet sie schier außer Freude. Sie hielt ihn für einen idealen Partner, und machte dem Streß bei einer Tasse Kaffee den Vorschlag, die kommenden Tage und Wochen gemeinsam zu verbringen.
Der Stress, dem die Hektik auf den ersten Blick gefallen hatte, willigte ein. So kam es, daß die beiden fortan gemeinsame Sache machten. Während sich in seiner Nähe die Fälle von Kreislaufkollapsen häuften, bewegte sich bei der Hektik die Zahl der Nervenzusammenbrüche deutlich nach oben. Bis zum Weihnachtsabend konnten die beiden eine respektable Erfolgsstatistik vorweisen.
Höhepunkte der turbulenten Zweisamkeit waren die beiden Feiertage. Nach dem Einkaufsscharmützeln auf Rolltreppen und vor Registrierkassen brach die große Zeit der Familienstreitigkeiten an. Diese beschränkten sich nicht nur auf wortkarge Auseinandersetzungen. Die Folge war, daß Notärzte und Anwälte ein reichliches Betätigungsfeld bekamen. In jenen tagen blühtre die Hektik regelrecht auf, der Streß sah es mit gemischten Gefühlen. Nach den Strapazen der vergangenden Wochen verspürte er ein Unwohlsein und fragte sich, ob es nicht ratsam sei, sich von der Hektik zu trennen. So ging es dennoch weiter bis zum Jahresende.
Während sich die Hektik mit einem Jubelschrei in den Sylvestertrubel stürzte, machte sich der Streß nach reiflicher Überlegung auf dem Weg in ein Sanatorium.

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