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"Kinderortung für den Notfall" oder "1984 für Kinder"

http://www.meetinx.de/mx/images/news/2006/20061204-ikids.jpg

In meiner Kindheit war noch vieles anders. Die Generation der Computer und Videospiele für zuhause fing gerade erst an. Unsere Freizeit verbrachten wir hauptsächlich mit Freunden und das draußen auf der Straße oder in der freien Natur. Unsere Eltern wussten nur, wo wir vorhatten, uns aufzuhalten. Wo wir letztendlich waren, wussten sie nicht. Es gab keine Handys, unsere Eltern konnten uns nicht orten.

Tja, das ist die Vergangenheit. Die Zukunft hat schon längt Einzug gehalten. So in Form des neuen i-Kids Handys, welches die Björn Steiger Stiftung vorgestellt hat. Das Mobiltelefon kann via GPS geortet werden. Eltern können damit jederzeit online feststellen, wo sich ihre Schützlinge aufhalten. Und das auch bei ausgeschaltetem Mobiltelefon solange der Akku noch hält und eine Ortung technisch möglich ist. Das Handy selbst kann angerufen werden. Die Kinder können auch anrufen, allerdings nur bis zu 4 vorab abgespeicherte Rufnummern. Hinzu kommt noch eine "Paniktaste" für den Notfall. Wenn sie gedrückt wird, werden automatisch alle vier gespeicherten Nummern nacheinander angerufen. Gibt es von dort keine Antwort, wird der Notruf an die Zentrale der Björn Steiger Stiftung Service GmbH weitergeleitet.

Natürlich ist dies eine sehr interessante Angelegenheit. Für mehr Sicherheit kann dieses technische Gerät durchaus sorgen. Ich mache mir allerdings bei solchen Überwachungsmaßnahmen immer Sorgen, dass sie für die Eltern den Anlass geben, sich nicht mehr so sehr um ihre Kinder zu kümmern á la "Im Notfall kann ich ja herausfinden, wo sie sind". Was meint ihr?

http://www.steiger-stiftung.de/
Wie soll das Gerät für Sicherheit sorgen:

- ist es implantiert so das es nicht mehr verloren, vergessen, gestohlen usw. werden kann?
- ist ein Elektroschocker eingebaut um Angreifer kampfunfähig zu machen?
- können sich Eltern damit in 0,28 sek zu Ihrem Kind beamen?

Das Gerät ist realitätfremd und für den vorgesehnen Verwendungszweck nicht brauchbar.

1. Erfahren die Kids zimelich schnell was für einen Höllenspaß es macht das Ding auf die Ladefläche eines polnischen LKWs zu werfen und dann 2 Stunden später nach Hause zu kommen

2. Muß nur noch einer zum Flötenunterricht, aber der dann mit einer Kiste voll dieser Dinger

3. Ist es in der Hofpause lustig mit anzusehen wie hysterische Mütter die Schule stürmen wenn die aus der 8. mal wieder die Paniktaste bei den Kleinen gedrückt haben.

Es werden nur wieder nie niederen Instinkte unfähiger Eltern in Geld umgesetzt ohne auch nur etwas an der Erziehung und Bildung zu ändern. Und es wird ein trügerisches Gefühl der Sicherheit vermittelt.

Wenn mir jemand ein vernüftiges (das ist das Ding mit dem gesunden Menschenverstand) Argument FÜR das Gerät bringen kann würde mich das echt interessieren. Ich finde nämlich keins.

Ja damals, das waren noch Zeiten ...

Wir haben es tatsächlich geschafft. Kaum zu glauben, aber es ist so.. Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft, speziell was der Gesetzgeber und die Bürokraten, die Medien und die Informationsgesellschaft uns täglich vorbeten und verbieten, müssten wir alle, die in den Sechzigern bis Anfang der Achtziger aufgewachsen sind, längst tot sein.
Unsere Kinderbetten waren mit bleihaltigen Farben bemalt und Formaldehyd sickerte aus jeder Pore. Ganz zu schweigen vom Tapetenleim, dem Kleber des Linoleums oder den PVC-Dämpfen des Stragula. Wasserfeste Filzstifte hatten Ausdünstungen die benebelten und wer erinnert sich noch an den leicht salzigen Geschmack des abzuleckenden Tintenkillers? Steckdosen, Medizinflaschen, Schranktüren und Schubladen waren noch nicht kindersicher. Messer, Schere, Gabel und Licht wurden uns zwar verboten, aber meistens mussten wir uns erst einmal daran verletzten um es zu glauben.
Unsere Fahrräder, Roller und Rollschuhe fuhren wir ohne Schützer und Helme. Die Risiken per Anhalter in den nächsten Ort zu fahren waren uns unbekannt! Zum Thema Auto erinnere ich mich weder an einen Sicherheitsgurt, noch an Airbags, Kopfstützen, ABS oder ähnliche Sicherheitsvorrichtungen im Wagen meines Vaters. Man saß zwar hinten, aber an einem heißen Sommertag gab es doch nichts schöneres als seinen Kopf aus dem Fenster (das man damals noch komplett runterkurbeln konnte) des fahrenden Autos zu stecken und sich den Fahrtwind ins Gesicht blasen zu lassen, daß man kaum noch Luft bekam.
Wasser haben wir direkt aus dem Gartenschlauch getrunken und nicht aus einer Flasche. Wahnsinn! Wir aßen fettige Schmalznudeln und frischgebackenes Brot mit fingerdick Butter drauf, dazu gab es überzuckerte Limonaden oder künstlich gefärbtes TriTop. Zu fett geworden sind wir deswegen nie, weil wir immer draußen waren. Wir haben zu fünft aus einer Limoflasche getrunken und es ist tatsächlich keiner daran gestorben.
Wir haben stunden- und tagelang an Seifenkisten oder ähnlichen Gefährten geschraubt, die wir aus rostigem Schrott und splitterigem Holz konstruiert hatten. Dann sind wir den Hügel damit runtergebrettert nur um festzustellen, daß wir die Bremsen vergessen hatten. Nachdem wir ein paar Mal in der Böschung gelandet waren, haben wir gelernt auch dieses Problem zu lösen.
Wir gingen in der Früh raus und haben den ganzen Tag gespielt, höchstens unterbrochen von Essenspausen und kamen erst wieder rein, als es dunkel wurde und man den Fußball nicht mehr richtig sehen konnte.
Wir waren nicht zu erreichen. Keine Handys!
Wenn es regnete spielten wir bei Freunden Monopoly oder Mensch ärgere dich nicht, Mühle oder Dame und bauten mit Matchbox Autos ganze Städte auf. Wir hatten weder Playstations oder Nintendo, X-Boxen oder Videospiele, keine PCs, keine 50 Fernsehkanäle oder Surround Anlagen.
Ins Kino zu gehen war ein Ereignis, für das man sich herausputzte und das einem vor Vorfreude den Magen kribbeln ließ. Es gab noch Vorfilme, die immer eine Überraschung waren, weil keiner wußte was zu erwarten war und wenn zufällig ein Donald Duck oder Micky Maus Film dabei war, hatte man das ganz große Los gezogen.
Wir hatten Freunde! Wir gingen raus und haben uns diese Freunde gesucht.. Wir haben Fußball gespielt mit allem was sich kicken ließ und wenn einer einen echten Lederball hatte war er der King und durfte immer mitspielen, egal wie schlecht er war. Um im Verein mitspielen zu dürfen gab es Aufnahmeprüfungen, die nicht jeder bestanden hat. Wer es nicht geschafft hat, lernte mit der Enttäuschung umzugehen.Wir spielten Völkerball bis zum Umfallen und manchmal tat es weh, wenn man abgeworfen wurde.
Wir sind von Bäumen und Mauern gestürzt, haben uns geschnitten, aufgeschürft und haben uns Knochen gebrochen und Zähne ausgeschlagen.
Wir hatten Unfälle! Es waren einfach Unfälle an denen wir Schuld waren. Es gab niemanden, den man dafür verantwortlich halten konnte und vielleicht sogar noch vor den Kadi zerrte. Wer erinnert sich noch an Unfälle? Unsere Knie und Knöchel waren von Frühjahr bis Herbst lädiert und ein Schienbein ohne blaue Flecke gab es nicht. Wenn wir
uns an Brennesseln gebrannt haben, oder uns eine Mücke gestochen hatte, haben wir entweder drauf gespuckt, oder den Nachbars Hund drüber lecken lassen oder drauf gepinkelt. Geholfen hat alles.
Wir haben gestritten und gerauft, uns gegenseitig grün und blau geprügelt und gelernt damit zu leben und darüber weg zu kommen. Wir haben Spiele erfunden mit Stöcken und Bällen, haben mit Ästen gefochten und Würmer gegessen. Und obwohl es uns immer wieder prophezeit wurde, haben wir uns kaum ein Auge ausgestochen und die Würmer haben auch nicht in uns überlebt. Wir sind zu einem Freund geradelt, haben an der Tür geläutet und sind dort geblieben nur um mit ihm zu reden. Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere, also haben sie eine Klasse wiederholt. Sie sind nicht durchgefallen, sondern wurden von den Lehrern einfach zurückgestuft. Zensuren bei Proben wurden nie manipuliert, egal aus was für Gründen.
Wir waren für unsere Aktionen selbst verantwortlich. Konsequenzen waren immer zu erwarten, wenn wir Scheisse gebaut hatten. Der Gedanke, daß ein Elternteil uns rausklopft wenn wir mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren, war undenkbar. Im Gegenteil, die Eltern stellten sich auf die Seite des Gesetzes.
Stellen Dir das einmal vor! Unsere Generation hat einige der größten Erfinder hervorgebracht. Die letzten 50 Jahre waren eine wahre Explosion an Innovationen und Ideen. Wir hatten Freiheit und Zwang, Erfolg und Misserfolg. Verantwortung und Konsequenz. Und wir haben gelernt damit umzugehen.
Erinnere Dich daran, wie Du aufgewachsen bist und Du wirst sehen, was unseren Kindern heute fehlt. Als die Eltern einmal ein Auge zudrückten, anstatt die Kinder mit übergroßer Vorsicht zu erdrücken.
Unsere Eltern trauten uns zu die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Meistens hat es geklappt. Die paar Mal, die daneben gingen zählen wir zu unseren Lebenserfahrungen.
Diese Geschichte dient zur Erinnerung an die Zeit, als Kinder noch Kinder waren und noch keine Anwälte mit Schadensersatzklagen und Regierungen mit kinderfeindlicher Politik unseren Alltag bestimmten.


http://log.grapf.de/2003/10/
Also mit Sicherheit meinte ich das trügerische Gefühl der Sicherheit für die Eltern. Aber eben nur das Gefühl: Wenn jemand mein Kind entführt dann nimmt er ihm das Handy sicher weg. Und wie du schon sagtest braucht es Zeit bis sie bei den Kindern sind.

Die Idee mit dem polnischen LKW finde ich gut *grins* Bin mal gespannt, wann der erste Fall in den Nachrichten zu sehen ist :-grins

Dein Text bzgl. der Kindheit ist übrigens wunderschön. Vielen Dank dafür.
Jedem der seinem Kind damit beglücken will würde ich einen Selbsttest empfehlen:

6 Monate das Gerät innerhalb der vorgeschriebenen Arbeitszeit bei sich tragen und der Arbeitgeber hat die Zugangsdaten. Es könnte durchaus sein das einige nach den 6 Monaten ganz viel Zeit haben sich persönlich um die Kinder zu kümmern. (aber ob die Kids das dann auch wollen) .

Kind sein heißt auch mal scheiße bauen und auch mal ein paar Stunden nach Schulschluß nach Hause kommen weil man sich mit den Idioten aus der "A" erstmal ne Schlammschlacht liefern mußte oder mit der ersten "großen" Liebe knutschend sich irgendwo verstecken. (aber nun steht auf einmal Muttern hinter einem ... )

Haben das diejenigen die sowas befürworten nie erlebt oder schon vergessen? Oder wird damit bewußt die mindergebildete, technikaffine Generation Jamba angesprochen?

Wenn ich wissen will wo mein Kind mit wem was spielt dann sollte ich mal mit meinem Kind spielen und miteinander reden soll auch helfen.

Ich finde das Ding ist der größte Unsinn mit dem mal wieder Ängste geschürt und auch gleich die passende Lösung preiswert angeboten wird. Und das zu unterschiedlichen Preismodellen. Dabei wäre interessant ob einem Kind dessen Eltern da bloß 9,90 € im Monat zahlen weniger schnell geholfen wird als einem bei dem 29,90 gezahlt werden? Landet das 9,90 € - Kind bei einem Notruf in der Warteschleife?

Und da die Gewalt gegenüber Kindern fast immer im familiären Umfeld stattfindet wäre doch ein Gerät viel nützlicher das die Eltern auf Knopfdruck mit Stromschlägen traktiert. (z.b. wenn bestimmte Worte in höherer Lautstärke fallen, bei Bewegungen die auf Schläge hindeuten oder einfach nur wenn die Kids länger als 10 minuten allein vor dem PC oder Fernseher sitzen und nicht der Kinderkanal läuft)
Naja - übertreiben solltest du es nicht Echo ;-) Ich denke durchaus, das so ein Handy bei einem kleinen Kind helfen kann. Stell dir vor es hat sich verlaufen und ist total verängstigt? Ein Knopfdruck und Hilfe ist unterwegs :-)
Wo bitte soll sich ein kleines (!) Kind in Deutschland so sehr verlaufen das es völlig von der Aussenwelt abgeschnitten ist und ein Telefon braucht? Bewegen sich kleine Kinder (3-8 Jahre) neuerdings regelmäßig fernab der Zivilisation. (und wer mit 10-14 alt genug ist zu rauchen oder zu poppen wird kaum ein Handy brauchen um Hilfe zu bekommen)

Entweder ist das Kind alt genug und findet sich in seinem Lebensumfeld zurecht oder es braucht Begleitung.

Deine Argumentation ist genau für die Eltern die sich lieber auf Technik verlassen als Ihren Kindern die Welt zu erklären oder die Grundlagen für ein selbständiges Leben zu schaffen.

Das hört sich an als ob Eltern ihre Kinder vollkommen unvorbereitet zum Sport schicken und die auf dem Weg dahin 5 mal Umsteigen müssen und dann noch 7 km durch den Wald laufen.

Wenn ich aber jeden morgen sehe das manchen Eltern ihre Kinder die 300m mit dem Auto zur Schule bringen kann es schon sein das alles was über 500m ist von den Kindern nicht mehr selbständig überwunden werden kann. Aber das lässt sich auch mit Technik nicht lösen.
^^ Genau meine Meinung!